Leben im englischen Kaff

„Und, wie geht es dir jetzt so in London?“

Gut, danke der Nachfage. Es scheint so, als würde die UK in der Vorstellung meiner Freunde und Verwandten nur aus London bestehen. Ich lebe nämlich garnicht in London, sondern in einem kleinen Ort in der Nähe von Manchester. 4 Stunden vom Shopping-, Sightseeing und Party-Mekka London entfernt. Und doch muss ich bei jedem Gespräch darauf hinweisen dass ich mehr oder weniger am anderen Ende der Insel lebe. Ich weiß nicht, was sonst noch so für Vorstellungen über mein Leben hier in den Köpfen meiner Bekanntschaft herumgeistern, aber eines vorweg: von Shopping, Sightseeing und Party ist hier kein Hauch zu spüren. Was ich dafür oft zu spüren bekomme ist ein Windstoß gefolgt von schönem, kaltem, englischen Regen.

Ich lebe in einem englischen Kaff, Hilfe holt mich hier raus!
Ich wusste, dass der Ort wo ich für ein Jahr studieren soll nicht gerade eine Großstadt ist(wenn das erste Suchergebnis für die Stadt auf Youtube mit „Ghost Town“ beginnt, kann man sich irgendwie vorstellen was einen erwartet) aber dass ich anfangen würde Wien zu vermissen und dem Ort an dem ich aufgewachsen bin den Titel „Großstadt“ zugestehen würde…hätte ich mir nie träumen lassen. Wien war für mich immer langweilig und uninteressant, eine kleine Stadt, die Orten wie Berlin oder London nie das Wasser reichen kann. Für mich war Wien das unterste auf der Skala der Spannung. Aber mein Horizont sollte erweitert werden.

Ich kam also in Manchester an, wo ich mit dem Bus eine Stunde weiter zu meinem neuen Zuhause fahren sollte. Nur war ich das Einzige was ankam, denn mein Koffer wollte lieber eine Weltreise machen. Super Start dachte ich mir und ging erstmal shoppen um mich von dem Schock zu erholen. Da sich so gut wie alles was ich zum Leben brauche in dem Koffer befand hatte ich dazu auch Grund genug. Herauszufinden wo ich einkaufen kann, war keine sehr schwere Aufgabe, denn es gibt hier nur ein Einkaufszentrum, das das „lebendige“ Stadtzentrum ausmacht. Und um 18:00 schließt. Wie kann etwas um 18:00 seine Türen vor mir verschließen? Was wird aus meinen abendlichen Shoppingtouren. In der Mall Wien Mitte hätte ich noch 3 Stunden Zeit all mein Geld in „wertvolle, unbedingt nötige“ Dinge zu investieren!

Nun ja, dann spare ich halt. Oder ich gebe all meine Pounds bei Tesco aus, dem riesigen Supermarkt, der von allen erdenklichen Lebensmitteln(Cadbury Schokolade und ReesesPeanutButterCups!!) bis hin zu Küchengeräten und Spielzeug einfach alles verkauft. Leider befindet sich dieser Ort aber auch eine Viertelstunde entfernt von meinem Apartment, was einkaufen zu einem unfreiwilligen Training macht. Mit dem Bachelor werde ich wohl, am Ende meines Studienjahres, auch Arme wie Hulk nach Hause bringen.

Oder auch nicht, denn Chips(Pommes auf britisch, unsere Chips heißen hier Chrisps. So viel Verwirrung) gehören seit meinem Umzug zu meinem Speiseplan wie Regen zu England(ich will gar nicht aus dem Fenster sehen). Gut, ich koche oft selbst und wohl so gesund, dass meine Mitbewohner glauben ich sei Fitnessexpertin, aber wenn ich hier irgendeinen sozialen Kontakt möchte, der nicht in studententypischer Betrunkenheit endet, treffe ich mich im Pub der Uni und Chips sind billig und lecker. Viel andere Möglichkeiten essen zu gehen gibt es hier nicht und zwischen meinen Freunden und mir ist der Besuch im Pub schon zum allwöchentlichen Ritual geworden.

Ein Vorteil der allgegenwärtigen Langeweile aufgrund nicht vorhandenen Entertainments ist, dass ich produktiv bin, also tue was ich tun sollte und für die Uni arbeite. Das Unisystem hier läuft etwas anders als in Wien, statt Vorlesungen und Prüfungen, für die es zu lernen gilt, haben wir Projekte, arbeiten hauptsächlich selbstständig, kommen nur zu Feedback Sessions in die Uni und geben das vollendete Werk am Ende des Semesters ab.

Dadurch, dass ich höchstens drei Mal in der Woche in der Uni bin ist mein Rhythmus mutiert und von einem normalen Tagesrhythmus zu einem Nachtrhythmus geworden. Ich schlafe oft  bis 12 mittags und bin dann bis 2 Uhr Nachts wach. Aber warum auch aufstehen, wenn man nicht von Morgenvorlesungen dazu gezwungen wird. Die Kreativität ist so oder so abends höher, das ist wissenschaftlich bewiesen…und rechtfertigt warum all meine Dokumente „zuletzt bearbeitet um 00:48“ sind. Voller Kreativität eben.

Langsam gehen mir trotz all der Kreativität die Themen aus über die ich schreiben kann. Denn was ein englisches Kaff ausmacht, ist dasselbe wie bei jedem Kaff: hier ist nichts, es passiert nichts und der umfallende Reissack in China wäre eine interessante Meldung.

Wer jetzt Lust bekommen hat auf das ent-spannende Leben im englischen Hinterland, wo man sich voll auf sein Studium konzentrieren und kilometerlange Gewichts-Marathons beim täglichen Einkauf bestreiten kann, braucht nur seinen Immobilienmakler aufsuchen, denn an leerstehenden Häusern mangelt es hier aus…gewissen Gründen bestimmt nicht. Come to the Kaff side, at least we have Cadbury chocolate!

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