Daredevil oder wie eine Comicserie auch sehr realistisch wirken kann

Daredevil, ein Serienereignis auf das sich wohl einige Comicfans gefreut haben, ist seit 10. April auf Netflix zu sehen. Und wie man es dort gewohnt ist, wurde gleich die ganze erste Staffel auf einmal online gestellt. Satte 50 Minuten pro Folge, und davon gibt’s auch noch 12 Stück! Man kann sich also nicht beklagen!

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Ich bin ja leider kein großer Fan von Binge Watching, weshalb es bei mir etwas länger gedauert hat, bis ich alle Folgen gesehen habe. Jetzt habe ich es endlich geschafft, und was soll ich sagen? Die Serie hat mich überrascht und auf jeden Fall überzeugt. Daredevil ist auf seine Art sehr einzigartig und ich glaube nicht, dass es derzeit etwas Vergleichbares im Serienhimmel gibt. Was die Serie so besonders macht, werde ich euch in meiner Review erläutern.

Zunächst gibt es aber eine kurze inhaltliche Zusammenfassung, für die wenigen unter euch, die noch nie von Daredevil gehört haben. Der Comicheld aus dem Hause Marvel ist aufgrund eines Chemieunfalls zwar erblindet, dafür sind seine anderen Sinne so geschärft, dass er quasi besser „sieht“ als ein gewöhnlicher Mensch. Tagsüber bekämpft Matt Murdock daher als Anwalt die Machenschaften der Kriminellen, während er in der Nacht als Daredevil unterwegs ist, um andere Bösewichte aufzuhalten. So weit, so gut! Verfilmt wurde das ganz schon einmal mit Ben Affleck in der Hauptrolle, allerdings zu Recht nur mit mäßigem Erfolg. Die Serie dient also auch dazu, den Helden wiederzubeleben und den eher bescheidenen Film zu vergessen 😉

Charaktere, die sich einfach echt anfühlen

(L-R) CHARLIE COX as MATT MURDOCK and DEBORAH ANN WOLL as KAREN PAGE in the Netflix Original Series “Marvel’s Daredevil”  Photo: Barry Wetcher © 2014 Netflix, Inc. All rights reserved.

Matt Murdock und Karen Page – Photo: Barry Wetcher (c) 2014 Netflix, Inc. All rights reserved.

Nahezu alle SchauspielerInnen aus Daredevil sind bekannte Gesichter. Hauptdarsteller Charlie Cox dürfte den meisten aus „Sternwanderer“ bekannt sein, seine Assistentin Karen Page ist Deborah Ann Woll, bekannt aus True Blood, und die Krankenschwester Claire Temple wird von Rosario Dawson gemimt, die unter anderem in Percy Jackson mitgewirkt hat. Daredevils Widersacher Fisko (Vincent D’Onofrio) geistert derzeit durch den überaus erfolgreichen „Jurassic World“, ebenfalls als Bösewicht. Die Serie liefert uns wirklich eine Masse an guten und bekannten SchauspielerInnen, aber nicht nur das, sondern sie gibt uns das wirklich wichtige: Charaktere, die ebenso interessant, wie realistisch dargestellt werden.

Charlie Cox stars in the Netflix Original Series “Marvel’s Daredevil.” Photo: Barry Wetcher © 2014 Netflix, Inc. All Rights Reserved.

Matt Murdock – Photo: Barry Wetcher (c) 2014 Netflix, Inc. All rights reserved.

Nahezu jede Figur wird gut eingeführt, man lernt sie kennen, sieht die guten und schlechten Eigenschaften und kann ihr Handeln in nahezu allen Fällen nachvollziehen. Besonders Fisko gewinnt durch die tragische Vergangenheit an Tiefe und verliert dabei auch etwas an seiner Bosheit. Besonders sticht außerdem Murdocks Partner Foggy Nelson hervor, der besonders in der Episode 10 „Nelson v. Murdock“ unvorhersehbare Facetten zeigt und damit seinen Part als lustiger Sidekick endgültig aufgibt. Cool sind hier auch die weiblichen Charaktere, die nicht bloß eine hübscher Aufputz sind. Besonders hervorzuheben ist Karen Page, die ihre eigene Motivation hat und ihre Ziele hartnäckig verfolgt. Ihr Handeln überrascht und macht die Figur umso interessanter, zu erwähnen sei dabei wieder die 10.Episode. Die Krankenschwester Claire Temple ist vor allem in der ersten Hälfte der Staffel wichtig, verliert leider danach etwas an Bedeutung. Daredevil selbst war der einzige Charakter der mir zu Beginn Probleme verursachte, er war mir zu vorhersehbar, zu einfach gestrickt, allerdings hat sich das im Laufe der Staffel deutlich gebessert und man bekam einen Blick hinter der Maske.

Kurzum Charaktere Top, SchauspielerInnen Top, was will man also mehr 😉

Eine Story, die einen nicht kalt lässt

Natürlich braucht man für den perfekten Seriengenuss auch noch eine gute Story und die bekommt man ebenfalls geliefert. Am Anfang allerdings leider noch etwas klapprig. Viele Kampfszenen versuchen zu Beginn das Publikum zu binden und die Geschichte tritt dabei etwas in den Hintergrund. Das ändert sich jedoch maßgeblich und das Intrigenspiel der Widersacher beginnt. Pläne werden geschmiedet, die Charaktere verfolgen ihre eigenen Ziele und kommen sich dabei öfters in die Quere. Gerade die Tatsache, dass die Hauptfiguren Anwälte sind und damit das Recht auf ihrer Seite zu haben scheinen, macht den Kampf um die Stadt noch um einiges perfider und gefinkelter. Wie gewinnt man einen Kampf? Mit Recht oder mit Gewalt? Dieser Frage hab ich mir beim Zusehen mehr als einmal gestellt, Matt Murdock sich übrigens auch 😉

Die Serie tut sehr viel für Character Developement, was bedeutet, dass auch sehr viel geredet wird. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Action gibt oder es gar langweilig wird. Im Gegenteil, derartig perfide Kampfszenen hab ich in einer Serie schon lange nicht mehr gesehen. Und außerdem werden sie auch noch durchaus realistisch dargestellt. Wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt, dann steckt auch Daredevil ordentlich ein und wird schwer verletzt und zwar so stark, dass man seine Wunden auch in den darauffolgenden Episoden sehen kann. Ein Umstand, den man in anderen Comicserien oft vergeblich sucht. Die Serie wirkt dadurch authentisch, ja sogar realistisch. Die Kämpfe sind brutal, und zwar brutal realistisch. Ja, es ist auch oft grauslich, aber nicht um das Publikum zu ekeln, wie so oft in Game of Thrones, sondern um zu zeigen, wie es in der Realität wäre.

VINCENT D'ONOFRIO as WILSON FISK in the Netflix Original Series “Marvel’s Daredevil”  Photo: Barry Wetcher © 2014 Netflix, Inc. All rights reserved.

Wilson Fisk – Photo: Barry Wetcher (c) 2014 Netflix, Inc. All rights reserved.

Das einzige, das mich ein wenig stört, ist der Kampfstil von Daredevil, der etwas übertrieben auf mich wirkt. Dabei geht die Authentizität leider etwas flöten. Viel schlimmer fand ich aber sein Kostüm, das er zum Glück erst in der letzten Folge trägt. Ich weiß nicht warum, aber ich finde, dass es wirklich schrecklich aussieht und ich hoffe, dass da für die 2.Staffel doch noch etwas nachgebessert wird. 😀

Was dafür sehr gut gemacht wurde, ist seine Art zu „sehen“. Die visuelle Umsetzung macht einem verständlich wie Matt Murdock die Welt wahrnimmt und eröffnet uns damit seine Sicht der Dinge. Es wirkt auch dabei überhaupt nicht fantastisch oder unrealistisch sondern, für mich zumindest, sehr glaubhaft.

Fazit

Daredevil ist für mich deutlich mehr als eine Comicverfilmung, es ist ein gelungener Versuch ein Comic so zu präsentieren, dass es für das Publikum nicht nur glaubhaft wirkt, sondern auch nachvollziehbar erscheint. Nicht nur das, auch die Charaktere haben sich von 2D zu 3D entwickelt und zwar in all ihren Facetten. Die Serie ist überdies erwachsen und ganz eindeutig nicht für ein junges Zielpublikum zugeschnitten. Was aber nicht heißt, dass es durchwegs düster und ernst ist. Es gibt immer wieder auch mal komische Momente, die aber nicht aus lächerlichen One Linern bestehen, sondern uns zum Schmunzeln bringen, ohne hysterisch darüber zu lachen, was auch irgendwie die Stimmung der Serie zerstören würde.

Mein Tipp daher, wenn ihr auf ernste und gut gemachte Serien steht, die mit interessanten und spannenden Charakteren aufwarten und dazu noch visuell beeindrucken, dann kann ich euch Daredevil nur wärmstens empfehlen. Es dauert vielleicht ein bisschen, bis man mit der Serie warm wird, aber spätestens nach der dritten Episode wird man von ihr in den Bann gezogen und mag am liebsten gar nicht mehr aufhören. Besonders fies ist dann natürlich das Staffelfinale, da so viele Handlungsstränge aufgegriffen, aber leider noch nicht beendet wurden. Stoff für Staffel 2 gibt es also genug. Jetzt heißts dann also wieder abwarten und Tee trinken bis 2016 😉

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