CLIP STUDIO PAINT EX

Clip Studio Paint ist das Programm, das neuerdings von schätzungsweise 90% der digitalen Zeichner/ deutschen Mangaka verwendet wird.
Es versucht die wichtigsten Tools, die ein Comiczeichner brauchen kann, in sich zu vereinen. Das ist nicht besonders einfach, denn soweit ich es von mir weiß, können das schon bis zu fünf Programme sein, wenn nicht mehr, von denen man im Zeichenprozess hin- und herswitchen muss, bis eine fertige Mangaseite entsteht.

Ich muss gestehen, ich habe nicht alle Tools getestet und auf ihre Tauglichkeit überprüft, weshalb ich diesen Teil der Review als ClIP STUDIO für Anfänger bezeichnen will. Bei Interesse würde ich in die Tiefe des Programms gehen und dazu in einem anderen Teil mehr schreiben. Dadurch, dass ich den Großteil meines Lebens fast nur analog gezeichnet habe und Bleistift, Tusche und Feder meine Werkzeuge sind, fühle ich mich, als würde ich in neues Terrain vordringen.
Ich bin allerdings kein blutiger Anfänger, was digitale Illus betrifft. Benutzt habe ich bereits Paint Tool Sai für die paar digitalen Illustrationen, die ich im Leben fabriziert habe, Comicworx zum Rastern meiner Mangaseiten, Photoshop zum Justieren meiner Illustrationen, ArchiCAD für Hintergrundvorlagen usw.

Trotz allem, habe ich nie ein einziges Programm für eine Illustration verwendet, was schon Zeit frisst.
Auch möchte ich nicht mehr von Adobe PS abhängig sein, da es einfach teuer ist (obwohl die CC-Variante mit der monatlichen Zahlung auf jeden Fall leistbar ist), es sich für mich aber nicht rentiert, da ich nur bestimmte Tools in PS verwende und ich es nie voll nutzen werde.

Meine Tools, die ich verwende:

  1. Macbook Pro mit Retinadisplay
  2. Wacom Intuos Pro M
  3. Dell Monitor (gezwungenermaßen)

Nach dem Installieren ist mir also eines aufgefallen. Das Retinadisplay, das mein Macbook hat, wird von Clip Studio Paint nicht unterstützt. Das war sehr ärgerlich, da Mac-Produkte größtenteils von hippen Künstlern verwendet werden. Zu meinem Erstaunen unterstützt auch Adobe PS CS 5 kein Retina Display. Also musste eine Lösung her.

Die Macher von Clip Studio Paint wissen von dem Retina Problem, veröffentlichen aber kein Update dazu. Zum neuesten PS CC gibt es ein Update, das das Retinadisplay unterstützt. Für niedrigere Versionen leider nicht. Ich könnte auch die Auflösung von dem Macbook ändern, bin aber zu faul das jedes Mal machen zu müssen, wenn ich das Programm verwenden will. Ich hatte also die Wahl Clip Studio verpixelt auf meinem Macbook zu benutzen oder meinen alten Bildschirm anzuschließen und da das Programm zu verwenden. Ich hab mir für zweiteres entschieden und mir einen Adapter besorgt.
Nachdem alles bereit war, konnte es losgehen.

DER ERSTE START

Nach dem Öffnen, war mir schnell klar, dass der Aufbau Adobe PS ziemlich ähnelte und das Gefühl ein neues Programm lernen zu müssen erstmal etwas abgeflaut ist.
Ich bin alle Menüpunkte durchgegangen und wollte mir erstmal die Shortcuts ansehen.
Ich liebe Shortcuts, verwende sie, wenn es geht eigentlich überall.

Dadurch, dass das Programm in englischer Sprache ist, ist mir aufgefallen, dass die Shortcuts mit amerikanischer Tastatur einhergehen. Das wird vielleicht nicht jeder wissen können und bei cmd+Z einen ziemlichen Anfall bekommen. (Nicht, dass ich einen gehabt hätte) Für den Befehl ‚Redo‘ musste ich also cmd+Y drücken, anstatt cmd+Z, weil in der amerikanischen Tastatur diese beiden Buchstaben vertauscht sind.

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WERKZEUGE

Die benannten Menüpunkte sind ausgesprochen klar. Man weiß , was gemeint ist und findet alles, was man braucht, relativ schnell. Der Werkzeugkasten ist auf linker Seite platziert und wirklich klar strukturiert. Klickt man auf ein Werkzeug, öffnet sich ein Untermenü, wo man weitere Einstellungen vornehmen kann. Mit den default-Werkzeugen (also den voreingestellten Standardwerkzeugen) kann man schon hervorragende Ergebnisse erzielen, weshalb man hier keine Änderungen vornehmen muss. Für Fortgeschrittene ist es auch relativ einfach sich ein neues Brush-set zu kreieren, da das User-interface erfreulich einfach gestaltet ist.

Für alle, die wissen wollen, welche Werkzeuge meine Favoriten sind, kann ich den G-Pen zum Tuschen und den rough pencil für Skizzen empfehlen. Der G-Pen ist an sich an die analoge Vorlage einer japanischen Mangaka-Feder gelehnt, die ich viele Jahre benutzt habe und ja, ich bin mit der digitalen Version sehr zufrieden.

PROBLEME BEIM ZEICHNEN?

Beim Zeichnen ist mir allerdings eine unangenehme Sache aufgefallen. Obwohl die Strichführung super leicht geht und auch schön glatt aussieht, ist mir ein Lag im Zeiger aufgefallen. Ich war also schneller als der Pinsel auf dem Bildschirm, der meinen Zeiger gefolgt ist. Das ist ein großes Hindernis und der Arbeitsfluss ist dadurch gestört.
Zuerst dachte ich, es liegt am ‚Stabilizer‚ oder ‚Anti-Aliasing‚. Beide glätte die Striche die man zieht, wenn grad die Hand mal zittert oder der Strich nicht glatt genug ist oder vermindert die Verpixelung der Illustration.

Ich glaube auch, dass Clip Paint Studio das einzige Programm ist, das diese Funktion des Stabilizers hat und sie ist wirklich sehr hilfreich. Ich hab diese Funktionen also abgedreht, das Problem mit der Strichführung war allerdings immer noch da.

Ich war also gezwungen Google anzuschmeißen und mir das Problem anzusehen. Das hat sich aber erledigt, als ich in die ‚Preferences‚ im Menü gegangen bin, dann unter ‚Tablet‚ das Häkchen bei ‚Do not skip update of drawing‚ raus genommen hab. Jetzt kann ich ganz normal zeichnen.

DAS FANZINE-FEATURE

Ein Feature, das mich schwer begeistert, ist das Fanzine-Feature. Das heißt, man kann wirklich einen eigenen Manga bzw. Comic selbst gestalten und layouten. Man braucht also nicht mal mehr Adobe InDesign, um alle Seiten auf einen Überblick zu haben und sie gleichzeitig gestalten zu können. Mit dem Programm lässt es sich vom ersten Strich bis zum Print alles gestalten.

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RASTERFOLIEN, HINTERGRÜNDE UND ZEICHENHILFEN

Zusätzlich hat Clip Studio Paint auf der rechten Seite alle Extras platziert. Hier finden sich Rasterfolien, Hintergründe, Effekte, Sprechblasen und Seiten-Rohlinge. Es erübrigt sich also, die Panels zu zeichnen.
Man kann sogar das Gutter der Panels passend nach seiner eigenen Vorstellung verschieben, was die Sache erheblich vereinfacht.

Panels

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Auch für Perspektiven oder schwierigere Posen haben die Macher von Clip Studio Paint sich was einfallen lassen. Es gibt Figurinen, Räume und Gegenstände als 3D-Objekte, die man mittels drag-and-drop auf das Blatt zieht und sie so lange  herumdreht und verschiebt, bis man glaubt, man hat die perfekte Position erlangt. Es können sogar die Materialien vereinzelt verändert werden..Man muss meiner Meinung  nach aber nicht mit 3D-Programmen gearbeitet haben, um das zu verstehen. Auch hier gilt ‚learning by doing‘ und ist wirklich sehr einfach gestaltet. Die Symboliken für Drehen, Verschieben und Zoomen der 3D-Objekte hab ich allerdings erstmal identifizieren müssen.

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COLOURING

Ich gebe zu, ich habe noch nicht wirklich einen Lieblingsbrush gefunden. Für Grundfarben habe ich immer noch den G-Pen verwendet. Für Schatten und anderes fand ich den ‚Watery‚ ganz gut, bin aber noch nicht vollends zufrieden. Hier kommt es wirklich drauf an, jeden einzelnen Brush auszuprobieren, je nach dem, ob man nun Haare, Klamotten oder Haut koloriert.

Hier gibt es auch ein Tool, das ‚Blend‚ heißt und das Verläufe viel sanfter aussehen lässt. Der einzige Minuspunkt ist das Rastern. Von Comicworx war ich es gewohnt einem Brush eine Rasterfolier zuweisen zu können. Ich habe leider keine Möglichkeit gefunden, das mit Clip Paint Studio zu machen. Man muss den Teil, den man rastern will maskieren und dann die Rasterfolie dem markierten Teil zuweisen. Eine etwas umständliche Methode, vielleicht besteht hier Entwicklungsbedarf. Falls es doch diese Möglichkeit gibt und ich sie einfach nicht gefunden habe, würde ich mich über ein Feedback freuen.
Das einzige, was dem am Nächsten kommt, ist das Decoration-tool, das spezielle Brushes mit Motiven beinhaltet.

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FAZIT

Das Programm ist auf jeden Fall ein Gewinn und definitiv Wert sich die Lizenz zu kaufen, wenn man als Zeichner größere Projekte gestalten will. Auch zum Skizzieren und Üben ist es ein gutes Tool und würde ich auf jeden Fall empfehlen. Trotz der anfänglichen Komplikationen, bin ich froh, dass sie gelöst werden konnten. Wenn man sich an die Abläufe und das Userinterface gewöhnt hat, kann man beim Mangazeichnen wirklich sehr viel Zeit gewinnen, speziell was Layout, Panels und Sprechblasen angeht. Dinge, die früher einfach Stunden an Zeit gefressen haben, können schnell erledigt werden und machen dadurch sogar Spaß.

Alles in allem sind die Zeichenhilfen und die Kombination mehrerer Programmfunktionen in Clip Paint Studio eine wirklich großartige Stütze. Auf der website gibt es als Starhilfe mehrere Tutorialvideos, die kurz und prägnant die wichtigsten Dinge anschneiden. Auch werden auf Twitter immer weider neue Materialien zum Download angeboten, um sich die eigene Bibliothek zu erweitern.

Vielen Dank an dieser Stelle an demoniacalchild, die ich bei ihren livestreams mit Fragen löchern durfte.

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