Captain America – The Winter Soldier: Warum ist er der beste Marvel-Film bis heute? [Teil 1] – Freund oder Feind?

Den Film Captain America: The First Avenger zu sehen, war für mich mehr eine lästige Pflicht, als das Gefühl von Vorfreude. Ironman war der Film, mit dem das MCU (Marvel Cinematic Universe) ihre erste Produktionsphase aufbauen sollte. Da zwangsläufig all deren Superhelden-Filme irgendwie miteinander verknüpft sein würden, wartete somit auch Captain America darauf von mir gesehen zu werden.

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© Marvel Studios

 

Durch die Medien ist das Erste, woran man bei Captain America denkt, Patriotismus. Augenrollend habe ich mich gefragt, warum die Vereinigten Staaten zusätzlich auch noch einen Superhelden brauchen, der das Land und ihre klischeehaften Ansichten repräsentiert. Braucht die Welt wirklich einen Kerl, der in Streifen und Sternchen gekleidet ist und Adolf Hitler eins auf die Nase gibt?

Nach dem ersten Teil der Captain America-Saga, würde ich behaupten: Ja. Der Film hat meine Sicht über Steve Rogers so ziemlich um 180 Grad herumgerissen. Er ist ein sympathischer Kerl, der mit seinem Schicksal hadert. Als schwächlicher Junge mit großem Herz möchte er etwas für die Gesellschaft tun und was verändern. Er ist nicht auf Profit oder Ruhm aus, sondern möchte, dass Menschen, die es nicht so gut getroffen haben, ein einfacheres und besseres Leben haben. Er repräsentiert somit nicht den Patriotismus oder konservative Werte und Privilegien, wie fälschlicherweise viele glauben, sondern viel mehr den allerseits bekannten ‚amerikanischen Traum‘ und die Freiheit. Alles ist möglich und das nicht nur für die Starken und Privilegierten der Gesellschaft, sondern auch für Minderheiten und Benachteiligte und genau das ist es, weshalb Captain America ein wichtiges Symbol nicht nur in der fiktiven Welt von Marvel, sondern auch für das Fandom und die Zuseher und Leser darstellt.

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Natürlich denkt man sich: Er ist derjenige, der auserwählt wurde, aber die Eigenschaften, die Steve Rogers a.k.a Captain America ausmachen, hatte er schon von Anfang an. Er brauchte nur den passenden Körper, der mit seinem Geist mithalten konnte. In meinen Augen macht das Super-Serum, das Doktor Erskine ihm im ersten Teil verabreicht, ihn nicht zum Superhelden, er war es irgendwie schon immer und das ist der springende Punkt. Während eine strahlenverseuchte Spinne Peter Parker beißt oder Bruce Banner bei einem Laborunfall mit einer Bombe viel zu hoher Gamma-Strahlung ausgesetzt wird, ist Steve Rogers nicht zufällig zum Superhelden geworden.

Mit diesem Gedanken und recht wenig Vorwissen in diesem Bereich, freute ich mich auf Captain America: The Winter Soldier. Ich kannte die Story aus dem Comic überhaupt nicht und war gespannt, was mich erwartete.

Bekommen habe ich einen politischen Thriller, der für einen Superheldenfilm absolut realistisch inszeniert wurde, kombiniert mit Captain America als Fels in der Brandung für Menschen, die quasi von ihrem Weg abgekommen sind. Auf fast schon naive Weise stürzt er sich, ohne groß nachzudenken, in Situationen, wo andere nur den Kopf schütteln können. Steve ist eben einer, der lieber handelt. In Zeiten von Überwachungen durch Regierungen und Digitalisierung trifft der Film sehr wohl den Nerv der Zeit. Wo man eben nicht mehr wirklich sagen kann, was richtig und was falsch ist, schafft es Captain America als Vorbildwirkung in Menschen das Gefühl auszulösen ‚das Richtige zu tun‘. Die Organisation von S.H.I.E.L.D, für die Steve Rogers arbeitet, stellt sich als korrupt heraus und die Frage, die sich der Held natürlich stellt, ist: „Wem kann ich noch vertrauen, wenn die Organisation, für die ich arbeite, nicht dafür steht, wofür ich kämpfe?“ Es ist ein Dilemma, in dem sich Steve wiederfindet. Er handelt überraschenderweise nicht naiv und vertraut auch nicht blind seiner Umgebung, sondern vielmehr seinen Instinkten, die ihn eine Enttäuschung nach der anderen erleben lassen. Selbst Natasha Romanoff a.k.a Black Widow, mit der er zu Beginn des Films eine Mission zusammen durchführt, hat andere Aufgaben im Sinn, von denen Steve nichts weiß und er muss erkennen, dass auch S.H.I.E.L.D ihm so einiges vorenthält.

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Wie Nick Fury, der Kopf der Organisation, alles mit dem Wunsch nach Freiheit und Sicherheit begründet, ist es für Steve Angst, die in den Menschen geschürt wird.

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An dieser Stelle möchte ich auch einen Vergleich mit DC’s Man of Steel, den letzten Superman-Film ziehen. In weiterer Folge repräsentieren die beiden Figuren ähnliche Werte und werden auch als Symbol mit Vorbildwirkung für die Menschen gesehen. Steve Rogers ist jedoch jemand, der Menschen aus  der Stadt evakuiert, sie schützt, wie zum Beispiel in The Avengers oder die Kampfszene auf der Autobahn, wo der Winter Soldier zum ersten Mal auf sein Ziel, Steve Rogers trifft, und da natürlich auch die Zivilbevölkerung in Gefahr ist. Während Superman beim Kampf gegen den Bösewicht so ziemlich halb Metropolis zerstört, ist Captain America darauf bedacht die Menschen zu retten und hier die Schäden so gering wie möglich zu halten. Anderes Beispiel: Während Superman seinen Gegner mit ein paar gekonnten Handgriffen das Leben aushaucht, kapituliert Captain America, indem er seinen Schild (seine Waffe, die primär eigentlich ein Verteidigungsobjekt ist) wegwirft und lieber stirbt, als wie sich herausstellt, seinen besten Freund zu töten. Auch wirkt Superman in Man of Steel, als würde er nach vorgegebenen Prinzipien handeln, ohne seine eigene Meinung und Werte zu entwickeln. Er wirkt mehr wie eine Marionette ohne Tiefgang, während Captain America das genaue Gegenteil ist. Er hinterfragt seine Umgebung, die Gesellschaft, das System und vor allem autoritäre Figuren, die ihre Macht auf dem Rücken des gemeinen Volkes austragen.

Captain America: The Winter Soldier hat definitiv einen Entwicklungssprung zum ersten Teil gemacht, in dem klar strukturiert war: Red Skull ist das Böse, der Kopf der Nazi-Organisation HYDRA und Steve Rogers ist das Gute. Im zweiten Teil jedoch verschwimmt dieser Faktor drastisch und ist bloß eine einzige Grauzone, in der Cap erst herausfinden muss, wer zu den Guten gehört und wer nicht. Wie Falcon so schön sagt „Wie sollen wir wissen, wer die Bösen und wer die Guten sind?“ Caps Antwort darauf: „Die, die auf uns schießen, sind die Bösen.“

Aber da ist auch klar: Das Böse sieht nicht böse aus, es ist kein einzelner Endgegner in der Form eines fiesen roten Schädels, wo es ein Leichtes ist, ihn mit Fäusten in seine Schranken zu weisen. Das Böse ist vielmehr eine Ideologie, die, wenn man auf der falschen Seite steht, irgendwie Sinn macht und nachvollziehbar ist. Alexander Pierce, gespielt von Robert Redford, ist das Pendent zu Nick Fury. Beide kämpfen für etwas, was eine bessere Welt schaffen will, aber um welchen Preis? Es ist, als würden sich die beiden ansehen und man würde denken: Wer ist nun der böse Zwilling?

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Auch Cap’s direkter Gegner, der Winter Soldier, der sich als Steve’s bester Freund Bucky Barnes entpuppt, ist nicht wirklich der bedrohliche Feind, den alle tot sehen wollen. Falcon hat es hingegen mit einem S.H.I.E.L.D.-Agent namens Brock Rumlow zu tun, den man zwar nicht als Endgegner, aber doch als bedrohliche Kampfmaschine wahrnimmt. Arnim Zola ist der Macher des Algorythmus‘, der einige Millionen Menschen ausrotten soll, allerdings in Form eines Computers, der keinen klassischen Endkampf bietet.

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Doch für Steve Rogers findet der Hauptkampf eher zwischen seinem Dasein im 21. Jahrhundert statt, in dem er lernen muss Anschluss zu finden. Zwei Jahre, nachdem er aus dem Eis befreit wurde, vergisst man, dass er mitten in seinen 20ern ist, also eigentlich sehr jung. Er muss mit dem Verlust seines besten Freundes und vermutlich auch immensen Schuldgefühlen diesbezüglich kämpfen, als dieser besagte Freund plötzlich lebend wieder auftaucht und für HYDRA arbeitet, die S.H.I.E.L.D infiltriert haben. Sein bester Freund, der in der Zeit, wo Steve eingefroren war, zu Pierce’s Werkzeug geworden ist, vielen drastischen Gehirnwäschen unterzogen wurde und auch als HYDRA’s eiserne Faust bezeichnet wird.

Viele Dinge prasseln da auf Steve ein, der mit Gefühlen klar kommen muss, die durch das Super-Serum auch noch einen Boost bekommen haben.

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Trotz dieser extrem traurigen Situation in der Steve Rogers sich befindet, bewahrt er seine Art, die Dr. Erskine so an ihm geschätzt hat: ‚Sei nicht nur ein guter Soldat, sondern auch ein guter Mensch.‘ Steve ist jemand, der es schafft Natasha Romanoff für das Gute kämpfen zu lassen und nicht nur für egoistische Zwecke. Er zieht auch Sam Wilson a.k.a The Falcon auf seine Seite und das mit äußerster Leichtigkeit. „Ich tue das, was der Cap tut. Nur langsamer.“

Obwohl auf Steve’s ‚Hauptkampf‘ nicht wirklich weiter eingegangen wird, sagen die Regisseure Joe und Anthony Russo, die absolute Comic-geeks sind, dass die wichtigste Szene im ganzen Film Steve’s Konfrontation mit Bucky ist bzw. Steve’s Kapitulation ihm gegenüber und sein Sturz aus dem Helicarrier. Auch hier bestätigt sich, dass Steve’s wirklicher Kampf der Emotionale ist. Das ist auch der Grund warum ‚The Winter Soldier‘ im Titel zu finden ist, obwohl er doch verschwindend wenig Szenen im Film hat und das auch von einigen Kritikern hinterfragt wird.

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Captain America: The Winter Soldier ist ein Film, der für das MCU ungewöhnlich eine dunkle Komponente mit melancholischer Atmosphäre hat, die vielleicht an DC erinnern könnte, allerdings auf viel realistischere und weniger übertriebene Weise.

Im Vergleich zu den Eigenproduktionen des MCU kann man sagen, dass hier ein wahnsinnig gutes Charakterdesign stattgefunden hat, das ungewöhnlich und hervorragend gut ausgearbeitet wurde (mit kleinen Ausnahmen), auf die im zweiten Teil dieser Review eingegangen werden soll: „Steve Rogers, Black Widow, The Falcon und Bucky Barnes“.

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